01.06.20

Jetzt ist also auch Lukas Papa geworden. Mitten in einer Pandemie, deren Ausgang ungewiss ist. Was soll man da machen? Ausgerechnet mich haben sie um Hilfe gebeten, dabei weiß ich doch nichts. Wie es wirklich ist, Papa zu sein, weiß Daniel. Oder wussten sie damals schon, dass eigentlich ich … nein, das ist Quatsch. Ich werde Daniel schreiben, dass er sich an Lukas wendet und durch die Sorgen der ersten Wochen begleitet. Die eigene Schlaflosigkeit bei Koliken der Kleinen, wickeln, füttern, gefühlt nur noch Windeln und Lätzchen waschen, solche Sachen.
Wahrscheinlich habe ich auch das mit meinem Großvater gemeinsam, dass ich mit der Babyzeit wenig zu tun hatte. Sonst wäre ich heute eher auf der Station 2. Das Kind damals war ich. Spürt man da die Abwesenheit von jemandem? Durch seine eigenen Eltern hindurch? Im Kindergartenalter war er dann aber präsent und übernahm Verantwortung, damit Mama arbeiten gehen konnte. Er brachte mich hin und holte mich ab. Auf dem Rückweg legte er eine Verschnaufspause auf dem Spielplatz ein, ich tobte dort herum. Eine angebrochene Tafel Schokolade hatte er dabei immer in der Tasche, daran erinnere ich mich mehr, als an sein Gesicht. Wie diese riesigen Finger zunächst eine Reihe abbrachen und davon jedem von uns ein einzelnes Stück, das kleiner war als sein Daumenfingernagel, unter dem regelmäßig ein dunkelblauer Bluterguss klebte, als hätte er ihn sich von unten matt lackiert. Dann schoben wir uns gleichzeitig Schokolade in den Mund. Lesen konnte ich noch nicht, aber auf der Packung war ein schwarzer Junge mit einem riesigen Turban, der eine Fahne schwenkte. Ein rassistisches Motiv erkannte ich damals noch nicht darin, es gab ja auch das grinsende Gesicht eines weißen Jungen auf der Kinderschokolade, wegen der Milch vielleicht. Heute sehe ich einen schwarzen Dienerjungen für weiße Kolonialherren, deren Kinder uns in Großaufnahme von den Packungen anlächeln. Das Markenzeichen stammt ja auch aus der deutschen Kolonialzeit. Das muss man sich auch mal auf der Zunge zergehen lassen.
War die Schokolade etwa ein Versuch meines Großvaters, Dinge wieder gut zu machen? Dinge, die er meiner Mutter und seiner Frau angetan hat? Machte er sie an mir „wieder gut“? Mir war damals nichts dergleichen bewußt, ich war zufrieden mit meinem Opa, und kann mich wohl genau deswegen an nichts weiter erinnern. Ist das dann so etwas wie die gerechte Strafe? Dass sich niemand daran erinnern wird, wenn man einmal das richtige tut? Was man als richtig empfindet übernimmt man, woran man sich erinnert sind die Fehltritte.
Dann ist es eben so. Es braucht ja niemand zu erfahren, wer die Familie wieder zusammengeführt hat. Damit kann und werde ich leben.

Wenn mich mein Opa aber nur am Rande miterzogen hat, woher habe ich dann sein Verhalten? Gene? Epigenetik? Oder weil Kinder immer das Gegenteil ihrer Eltern tun, denen man dann, oh Schreck, im eigenen Nachwuchs begegnet? Sogar begegnen muss? Müsste ich dann nicht meine Mutter in Clara und Dennis sehen?
So komme ich nicht weiter.

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