31. Dezember 2019 – Spätschicht

Wenn ich wenigstens sagen könnte, dass wir da betrunken gewesen wären, aber das waren wir nicht. Nicht einmal richtig beschwipst. Getrunken haben wir hinterher, die halbe Nacht. Vor allem Nadja. Bis sie kotzen musste.
Ich wollte ihr dabei die Haare aus dem Gesicht halten, aber dann wurde sie aggressiv und schlug mir die Hand weg. Sie duschte sich lieber danach den Kopf bis sie nüchterner war, dann trank sie weiter.
Auch die nassen Haare ließ sie sich nicht aus der Stirn streichen. Oder ihrem Nacken, ich versuchte es erst gar nicht mehr. Sie trank zu viel, obwohl klar war, dass sie es nicht vertrug, und sie nötigte mich dazu es ihr gleich zu tun. Deswegen fällt es mir so schwer die schönen Stunden davor von den schweren danach zu trennen. Wir kotzten alles wieder aus uns heraus, und Nadine hatte sich in Luft aufgelöst.
„Er ist in meinen Armen kalt geworden Johann, verstehst du?“
Was soll man denn darauf sagen? Also schwieg ich. Hätte ich ihr da sagen sollen, wie ich gelitten habe, als mir Patienten gestorben sind? Babys, Kleinkinder, Teenager? Jeder einzelne Tod war schlimm, und einige habe ich bis heute nicht vergessen. Sein eigenes Kind zu verlieren ist sicher noch eine ganze Ecke schlimmer, und wahrscheinlich wollte ich auch deswegen selber keine mehr haben. Aber was ich in dem Moment spürte war, dass sich bei ihr etwas Bahn brach, wofür sie noch keine, oder zu selten Worte gefunden hat.
Nadja zündete sich eine Zigarette an. „Meine Eltern hinter mir zu lassen war überhaupt nicht schwer. Als Kind hat mir allein die Vorstellung eine Riesenangst gemacht, und dann reichte eine Zugfahrt. Sie hatten es mir außerdem gerade vorgemacht, wie man flieht. Also bin ich einfach weiter geflohen, nach Mönchengladbach, nach Berlin, bis Valentin unterwegs war. Da wollte ich plötzlich innehalten und ankommen. Dann hat er mich verlassen, ohne dass ich es gemerkt habe. Aus mir heraus geschlichen hat er sich, aus dem Bauch…“ Sie schluchzte. „Ich war das Raumschiff, Johann.“
„Das Raumschiff?“
„Die Kapsel, die im Weltraum treibt. Dann kommt der Kosmonaut heraus und hängt an der Versorgungsschnur.“
„Wie ein Kind an der Nabelschnur“, nickte ich.
„Valentin war mein Kosmonaut, und erstickt. Die Versogungsleitung…“ Nadja brach ab und schluckte den Kloß in ihrem Hals trotzig herunter wie eine faulige Traube.
Ich erinnerte mich noch an alles. Wie sehr sich die beiden gefreut hatten und nicht wissen wollten, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, dann aber ein Ultraschallbild keinen Zweifel daran ließ. Wie mich Daniel aufgelöst anrief, und ich zurück nach Berlin kam. Die Beerdigung und wie es die beiden zerrissen hatte. Dass sie sich die Beerdigung alleine nicht leisten konnten, und es gar keine gebraucht hätte, wenn er nicht schon mehr als 1000g gewogen hätte. Warum gibt es für alles eine bürokratische Regelung, aber kein Mitgefühl? Anstelle von Empathie steht in Deutschland eine Küchenwaage. Wie sollte man von so etwas zurück kommen?

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