25. Oktober 2019 – Nachtschicht

Aus der Ferne waren wir vielleicht nicht zu unterscheiden, aber wenn man näher heran kam und wissen wollte, wie wir tickten, dann erkannte man z.B. daran, dass man sich die Logos nur selber mit einem Stift aufgemalt hatte, die Höhe unseres Taschengeldes, oder die antikapitalistische Haltung. Alles daran war Zeichen und Botschaft.

Manche gingen einen Schritt weiter, und schrieben noch Songtitel oder einzelne Textzeilen auf, was schon eher den Charakter eines – natürlich auf den Kopf gedrehtes – Kreuz-Worträtsels hatte. „Peace sell’s… but who’s buying?“ Von wem? Werrr hat’s errrfunden? So in etwa. Im Video zu dem Song wird man derart mit Symbolen bombardiert, dass man dem heute eine Epilepsie-Warnung voranstellen würde. Ich weiß nicht mehr, ob es Goldhammer selber oder ein anderer Lehrer war, der bei der Kanalsuche nach dem Videoeingang am Fernseher darüber gestolpert war – wobei, es kann gar nicht Goldhammer gewesen sein, denn der hätte niemals Video- Material im Unterricht genutzt. Es war ein Deutschlehrer, aber sein Name Will [!sic] mir nicht einfallen. Jedenfalls diente ihm der Clip gleich als Warnung vor den schlimmen Einflüssen der Rockmusik, genau als die beste Stelle im Video kam, eine kurze Spielszene, ohne Musik, wie sie sich täglich in tausenden Wohnzimmern abspielte: ein Vater wechselt mit der Fernbedienung den Sender und sagt „I want to watch the news“, aber der Junge, der direkt vor dem Fernseher auf dem Boden saß und mit seinen langen Haaren genauso aussah wie wir, mit der perfekten Antwort die Glotze auf das Video zurück stellte: „This is the news“. Daniel hatte sich das auf seine Jeansjacke geschrieben und dafür Zuhause natürlich Prügel bezogen, woraufhin er es nur noch dicker übermalte, bis es auf der Innenseite spiegelverkehrt durchschimmerte.

Für uns war das schon wie eine Tätowierung und nicht nur die Vorstufe dazu, denn eine echte hatte damals einfach noch niemand unter 18. Höchstens schnell verblassende Spuren eines Edding auf der Haut. Aber den Drang alle Oberflächen zu beschriften und verzieren, die wir mit und an uns herumschleppten, hatten wir auch. Und Monika zu verzieren war der nächste logische Schritt gewesen.

Uns Kuttenträger und andere Versager traf man am ehesten in der Raucherecke, dem Hintereingang in den C-Bau. Manchmal stand auch ein Lehrer mit dabei, wenn man Pech hatte der Physiklehrer, der sich ja eigentlich das Rauchen abgewöhnen wollte und bei seinen Kollegschülern schnorrte, wenn man Glück hatte die schüchterne Französischlehrerin, oder der noch unausgeschlafene Kunstlehrer, der eh noch nichts mitbekam, am allerwenigsten die Kunst direkt vor seinen Augen.

Aber wer dort jetzt nicht mehr bei uns stand, war Daniel. Denn Goldhammer begleitete ihn zu seinem Klassenzimmer, und beobachtete ihn von der Tür aus, wie er seinen Platz einnahm, die Sachen auspackte, und auf den Lehrer wartete. Den klärte er dann darüber auf, dass er sicher zu stellen habe, dass Daniel an seinem Platz blieb, bis er wieder von ihm abgeholt werden würde. Es hatte verdammt noch mal auch noch vor, Daniel wie einen Gefangenen unter Aufsicht von Zelle zu Zelle verlegt. Das waren in der Tat Neuigkeiten, über die in der Presse nicht berichtet wurde. Lukas hatte mir das zwar schon erzählt, aber ich wollte es einfach nicht glauben, bevor ich es mit eigenen Augen gesehen hatte.

© Jens Prausnitz 2022

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