Zimmer mit Aussicht

Drehbücher schreiben ist Handwerk, nur findet es mehr im Hintergrund, in den Hinterzimmern statt, steht aber immer am Anfang. Meistens ist die Arbeit der Drehbuchautoren recht einsam. Am Set trifft man die Autoren nur selten bis gar nicht, wenn doch, dann sind es eher „Drehbuch-Ärzte“ (script-doctors), die sich bei Blockbustern die Klinke in die Hand geben, und „mal eben“ die Arbeit der Vorgänger umschreiben müssen. Der Autor des Originals ist dann meist schon lange nicht mehr Teil des Films. Besser haben es da die Autorenfilmer.

Preston Sturges
Preston Sturges beim Aufräumen, glaube ich

Einer der besten von ihnen (und der erste, den man zurecht Autorenfilmer nennen kann) war der oben abgebildete Autor und Regisseur Preston Sturges (ein großes Vorbild der Brüder Cohen, die heute gemeinsam in seine Fußstapfen treten), und auch heute gibt es Ausnahmetalente unter den Autorenfilmern, wie beispielsweise Woody Allen (den ich hier in seiner Funktion als Drehbuchautor hervorheben möchte). Aber an dieser Stelle geht es mir nicht um Autorenfilmer – darauf komme ich später zu sprechen – und genauso wenig um brillante Autoren, die nicht selber Regie führen, wie beispielsweise Aaron Sorkin, der mir persönlich etwas zu dialoglastig ist.

Näher beleuchten möchte ich hier die weniger bekannten Varianten der Drehbuchentstehung, wie sie eher bei Fernsehserien anzutreffen sind. Dort gibt es Chefautoren, und einen Stab an Schreibern. Oft wird nur delegiert, wer welche Folgen schreibt, und dann gehen alle ihrer Wege, aber es gibt auch Ausnahmen, vor allem bei den herausragenden amerikanischen Serien (SOPRANOS, THE WIRE, BREAKING BAD, MAD MEN, TREME, etc.) und dann spricht man zu Recht vom writer’s room sowie dem Showrunner.

Den Anlass zu diesem Artikel gibt mir daher der nächsten Sonntag in den USA anstehende Start der fünften Staffel von BREAKING BAD (Spekulationen dazu meinerseits kann man hier auf Englisch lesen), aber das eigentliche Faszinosum für mich ist, wenn Vince Gilligan, der Schöpfer der Serie im Insider-Podcast von der Arbeit im writer’s room erzählt. So wie er die wochen-, monatelange Arbeit schildert, ist es für mich das Ideal des gemeinsamen Arbeitens schon in der Drehbuchphase. Und die Serie beweist, das die Entwicklung einer Idee aus den Figuren heraus fantastisch funktioniert. So sehr die Serie auch am Anfang gut geplant war (was niemanden überrascht, schließlich ist Vince Gilligan ein „alter Hase“, der sich seine ersten Sporen bei den besseren Folgen der X-FILES verdient hat), so schnell fanden sich die Autoren bzw. ihre Figuren gelegentlich in Situationen wieder, in denen sie nicht auf Anhieb wußten, wie sie sie dort wieder „lebend“ herausschreiben sollten. Aber aller Schwierigkeiten und Grübeleien zum Trotz bleiben sie den Figuren und ihren Darstellern treu, und damit gehen sie sicher das größte Risiko aller Autoren ein. Daraus folgt Wunsch Nr.1:

1) Ein „Zimmer mit Aussicht“ voller Autoren, mit denen ich gemeinsam an starken Figuren arbeiten möchte.

Noch größeren Respekt habe ich vor den Teams (je nach Serie) um David Simon, der mal Journalist war und eher zufällig beim Fernsehen gelandet ist. Seine wahre Heimat und Chance zur Entfaltung hat er allerdings erst bei HBO gefunden. Ebenso kommen viele seiner Autoren nicht mehr direkt vom Film oder Fernsehen, sonder eher aus der Literatur oder bringen eine Menge Lebenserfahrung mit ein, haben etwas zu erzählen. Damit spiele ich auf Ed Burns an, den Koautoren von THE WIRE, der Polizist und Lehrer war. Keine andere Gruppe hat wohl das Schreiben für das Fernsehen derart auf ein neues Niveau gehoben, wie David Simon mit seinen Autoren. Ihre Serien sind derart fundiert recherchiert, dass sie der Wirklichkeit näher kommen, als irgendeine andere mir bekannte Serie. Manche mögen von dem Realismus abgestoßen werden, aber für die gibt es ja das Traumschiff beim ZDF. In der in New Orleans nach dem Wirbelsturm Kathrina angesiedelten Serie TREME verschmelzen Recherche, Darsteller und als sie selbst auftretende Musiker aus der Region zu einem neuen etwas, wie ich es noch nie gesehen habe. Mitunter vergesse ich wer eigentlich Musiker, und wer Schauspieler ist. Ganz fantastisch. Daraus folgt Wunsch Nr.2:

2) Die Figuren müssen in einer genau recherchierten Welt agieren, so dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt.

Wer jetzt noch fehlt, ist der derzeitige König aller Fernsehautoren, Matthew Weiner, der Schöpfer von MAD MEN. Die Eleganz und Leichtigkeit mit der er seine dramaturgischen Bögen über eine Staffel hinweg spannt sucht seinesgleichen. Die (ehemaligen) Kollegen bei HBO und dem schwerfälligen BOARDWALK EMPIRE sollten vor Neid erblassen. Jede Folge von MAD MEN beleuchtet ein Thema, jede Staffel noch einmal ein übergeordnetes. Und es wirkt sooo natürlich und leicht geschrieben, dass ich vor Verehrung nur auf die Knie sinken kann. So muß ein Drehbuch am Ende aussehen: als hätte es Don Draper in seinem Anzug spazieren getragen. Daraus folgt der letzte Wunsch, Nr.3:

3) „Trotz“ aller Figurenzeichnung und Recherche sollte das Drehbuch ein Thema haben (das sich dem Zuschauer meist erst im Nachhinein erschließt) und dennoch leicht wie eine Feder wirken.

Wie es mit Wünschen nun einmal ist, anstatt nur von ihnen zu träumen, sollte man versuchen ihnen so nahe zu kommen, wie man kann. Bis zur WOJPATINGA-Serie wird sich all das umsetzen lassen, und bis es dazu kommt wird noch etwas mehr Wasser die Donau hinab fließen. Aber diese drei Wünsche oder Prinzipien habe ich bei meiner Arbeit stets im Hinterkopf.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Ohne kooperative Zusammenarbeit auf Augenhöhe geht sowieso nichts, und eben die vermisse ich bei Generation 89 noch sträflich. Denn die weiteren Drehbuchfassungen wieder alleine schreiben möchte ich nicht. Deswegen habe ich in den letzten Jahren so manches Buch über die Wendezeit von Ostdeutschen Autoren gelesen, um mich (neben der Recherche) nach jemanden umzusehen, mit dem ich mir eine Zusammenarbeit gut vorstellen könnte. Einer stach unter ihnen hervor, und ohne jeden Zweifel wäre er mein Wunschkandidat, um die nächste Drehbuchfassung zu erarbeiten: Rayk Wieland, der Autor von Ich schlage vor, dass wir uns küssen. Wer weiß, vielleicht ergäben wir sogar ein gutes Team, irgendwann sogar gut genug um in einer entsprechenden Liste geführt zu werden, und sei es nur die Gehaltsliste des Bayerischen Rundfunks…

Nächste Woche komme ich dann wieder von meiner Wolke runter und widme mich konkreten Beispielen aus der aktuellen Drehbuch-Überarbeitung, der ich mich jetzt wieder widmen werde. Aber manchmal fallen einem dabei die Augen zu und man beginnt zu träumen.

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PS: Wer jetzt noch immer nicht genug zum Thema Showrunner gehört hat, für den habe ich noch einen Link. Jeder der erwähnten Autoren verdient eine ausführlichere Auseinandersetzung, aber dafür fehlt mir die Zeit, und die weiterführenden verlinkten Artikel müssen dafür an dieser Stelle reichen. Als Schmankerl habe ich aber noch ein Spoiler enthaltendes Video. Fans von BOARDWALK EMPIRE seien besonders gewarnt, falls sie die zweite Staffel noch nicht gesehen haben sollten (ich spreche aus eigener Erfahrung – Mist. Pech gehabt).

Quelle: http://cinemagumbo.squarespace.com/journal/tag/sullivans-travels (Artikelbild)

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