R.I.P.

„Rest in Piece?“* – Nein, Regeln im Papierkorb. Damit will ich nicht zum Ausdruck bringen, dass ich nichts von Regeln halte. Ganz im Gegenteil. Regeln setzen Grenzen und helfen einem sie zu begreifen, um sie anschließend zu überschreiten. Der zweite Teil wird nur gerne oft vergessen.

nur einen Schritt weiter...
Heute stehen wir am Abgrund…

Regeln geben Halt und Orientierung, man gewinnt leichter an Übersicht, wenn man erst einmal überhaupt einen Standpunkt hat. Und je mehr Sicherheit man gewinnt, desto mehr kann man sich von ihnen lösen, nein muß es sogar. Anders können wir uns nicht entwickeln. Hat man dann genug Erfahrung gesammelt, stellt man unweigerlich seine eigenen Regeln auf. Die gilt es aber mit dem gleichen Respekt bzw. der gleichen Respektlosigkeit zu behandeln. Denn im Kern kommt es darauf an, dass man an sich arbeitet. Auch die Dogma ’95 Gruppe um Lars von Trier hat in ihr Manifest eine „Beichte“ eingebaut, wenn man es am Set mal nicht 100%ig genau nehmen konnte…

Eine meiner Regeln, wenn es um das Drehbuchhandwerk geht ist, auf Off-Kommentare zu verzichten, es sei denn sie dienen vorübergehend als Hilfestellung und Eselsbrücke. Nichts spricht dagegen, sich in frühen Fassungen diese ausgesprochenen “inneren Dialoge” einmal anzuhören. Nur sollte man nie vergessen sie später wieder zu streichen.

Auch die Dialoge die das Glück haben bis zum Drehbeginn im Buch zu bleiben, sollten sich nicht sicher fühlen. Denn wir sollten uns dann das Bauchgefühl unserer Darsteller einmal anhören und sie so sprechen lassen, wie es sich für sie richtig anfühlt. Das ist ein dynamischer, wechselseitiger Prozess, und da fängt der Spaß am Filmemachen erst richtig an, denn der Film beginnt “das Laufen zu lernen”. Das ist Regie. Zu lernen los zu lassen, und den Film sich selbst begreifen lassen. Damit er sich nicht verletzt, reicht man seinem „Baby“ immer wieder die Hand wenn er droht hin zu fallen. Dazu ist man da. Als Cutter weiß ich, dass Filme dazu neigen ein Eigenleben zu entwickeln, das oft am Set übersehen wird, aber wie von unsichtbaren Händen geleitet am Werk ist. Dann läuft mal eine Kamera ein paar Sekunden länger als der Kameramann dachte, und manche „Panne“ erweist sich hinterher im Schnittraum als Segen. Ein Regisseur muss versuchen die Balance zwischen den Anlagen (Drehbuch) und dem Aufwachsen (Dreh / Budget) zu halten. Wo sich alle nur immer an das Storyboard und das geschriebene Wort halten, entstehen klinische, kalte Filme, anstatt etwas lebendiges.

Dialoge sind dazu da uns erkennen zu lassen, mit was für Menschen wir es zu tun haben, wie sie ticken. Sie Absichtserklärungen aussprechen zu lassen ist, als würde man jedesmal ankündigen wenn man aufs Klo geht. Stattdessen sagen sie “Ich geh mal raus, frische Luft schnappen.” oder “Ich geh mir mal eben die Hände waschen, weil ich gepopelt habe und jetzt niemandem die Hand geben kann ohne Rot zu werden.” – “Bist du nicht gestern rot geworden, als wir uns abgeklatscht haben?” – Lächeln. Nicht aussprechen was ansteht, sondern stets um den heißen Brei herum reden. Oder noch besser: einfach mal die Klappe halten lassen. Da freut sich auch der Filmkomponist.

Dann kann man aus seinen Regeln noch eine zusätzliche Herausforderung ableiten. So bedeutet meine „Keine Off-Kommentare“ Regel z.B.: Wie müßte ein Drehbuch/Film aussehen, der Off-Kommentare zwingend erfordert? Das regt die Phantasie an, so hat man sich einen neuen Floh ins Ohr gesetzt, und wer weiß, eines Tages wird vielleicht was draus. Bis dahin jedenfalls bleibt die Regel in Kraft. Mal mehr, und mal weniger.

Flexibilität ist das neue Dogma.

Sich stur an Syd Field und die Odyssee des Drehbuchschreibers zu halten ist ganz großer Murks. Dabei entstehen reißbrettartige Filme die einen kalt lassen. Wie sehr man uns Rezeptionsmuster antrainiert haben merkt man daran, wenn man mal einen Film ansieht, der nicht diesen Mustern folgt, es wie im richtigen Leben keine klar definierbaren Guten oder Bösen gibt, wo die Protagonisten und Antagonisten die Anlagen für beides in sich tragen, das Leben in der Grauzone stattfindet, und der Held vielleicht einmal nicht das Ende erlebt, nicht das Mädchen bekommt, sich nicht entwickelt und am Ende noch genauso ist, wie zu Anfang. Es kommt doch darauf an wie man die Geschichte erzählt. Informationsvergabe nannte das Alfred Hitchcock. Jeder gute Cutter weiß das. Erwartungen zu brechen schafft Spannung.

Es ist nötig die Regeln zu kennen und verstanden zu haben – und dann gehören sie gevierteilt und über Bord geworfen. Sie sind die Orientierung auf der Reise, die Sterne am Horizont, aber die unruhigen Gewässer, die abseits des Weges liegenden Strudel und Strömungen sind spannender und bringen uns in unbekannte Gewässer, mit Wesen, denen wir noch nie begegnet sind.

Ein letztes Beispiel. Auf dem Berlinale Talentcampus vor ein paar Jahren gab man uns diesen Lückentext an die Hand, um unsere Stoffe verkauft zu bekommen:

In my life I believe in _________. I will show this by making a film on __________. The main conflict will be between ________ and __________. Ultimately I want the audience to feel __________ and to understand ___________.

(Proposal writing by Michael Rabiger)

Gut, dann füllen wir es mal aus, am Beispiel von EINHEIMISCH’N:

In my life I believe in everybody stays a stranger, no matter where he is. I will show this by making a film on a refugee camp in Vilshofen in the late summer of 1989. The main conflict will be between a local teenager and various adult, social authorities, including his parents, school, political authorities and the media. Ultimately I want the audience to feel solidarity to the people shown in the film and to understand that doing the right thing comes natural to some and can’t be measured in money, that an innocence for a grounded reunification was already lost before the wall in Berlin fell.

Was für ein Haufen Scheiße.

Mit Schreiben hat das wenig zu tun. Richtig anfühlen muß es sich.

Mögen sie also in Frieden ruhen, die Regeln. Nicht immer, aber in der Regel schon.

* „Ruhe in Pfrieden.“ ;)

Quelle: http://www.kult.ch/picture.php?picture_id=7608#anchor (Artikelbild)

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