Bayerische Knoten

Letzte Woche hat mich noch eine E-Mail des Bayerischen Rundfunks erreicht, allerdings wurde ich ausdrücklich darum gebeten den Schriftverkehr nicht hier zu publizieren. Dem komme ich gerne nach, fühle mich aber dennoch meinem Versprechen den Lesern dieses Blogs gegenüber verpflichtet, ihnen das Wichtigste nicht vorzuenthalten: der BR liest inzwischen an der richtigen Stelle (soll heißen: nicht der Pressesprecher) die vollständige Drehbuchfassung.

Gordischer Knoten von Jean-Simon Berthélemy
Gordischer Knoten von Jean-Simon Berthélemy

Heißt das nun wird es den Film geben? Nein, tut es nicht. Ist der Knoten geplatzt? Das wird sich erst noch herausstellen. Is wos? Naa. Der Vorgang an sich ist schon ungewöhnlich, und nur dem öffentlichen Druck der Region zu verdanken – dafür möchten wir uns an dieser Stelle herzlich bei unserem Publikum bedanken, ohne das es diesen Film (einschließlich der Anstrengung ihn überhaupt produziert zu bekommen) nicht geben würde.

Normalerweise bekommt man keinen derart direkten Zugang zu diesem Personenkreis. Die Person, die mir geschrieben hat, findet man auch auf keiner öffentlichen Seite des BR, arbeitet aber immerhin in einer der Redaktionen, die ich anzuschreiben versucht habe. Ohne etwas unterstellen zu wollen: Der Verdacht, uns dann eben auf diese Weise mundtot zu machen, bleibt. Das kann immer noch so sein, wie es Michael Ende bei JIM KNOPF UND LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER erzählt hat – man hat es mit dem Oberbonzen Pi Pa Po zu tun, nicht aber mit dem „Kaiser Franz“ selbst.

Erst wenn mich der Bayerische Rundfunk zu einem Gespräch über den Stoff bitten würde, bzw. erst wenn sich ein (öffentlicher) Dialog darüber entspinnt, kann von einer ernst gemeinten Kontaktaufnahme die Rede sein. Wir wünschen uns, dass wir nicht erst im Nachhinein über Filme in Produktion/Entwicklung informiert werden, sondern dass wir dem Beispiel von Crowdfunding-Plattformen folgend mehr Projekte vorstellen, als produziert werden. Da sehen wir das öffentlich-rechtliche Fernsehen noch in der Pflicht und dementsprechend Nachbesserungsbedarf.

Warum das so ist? Nett, dass Sie fragen, wir erklären es Ihnen gerne und fassen es in einem einzigen Satz zusammen:

Sie können in Deutschland keinen Film ohne Beteiligung des Fernsehens machen.

Zuständig für Filmproduktionen wie diese ist in erster Linie der Filmförderfonds Bayern, an den man sich mit seinem Produzenten wendet. Neben Antragsformularen findet man dort auch aufgelistet, in wessen Namen er agiert:

Zu den Gesellschaftern gehören der Freistaat Bayern, die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM), der Bayerischer Rundfunk, ZDF und die privaten Fernsehanbieter ProSiebenSat.1 und RTL.
Quelle: fff-bayern

Selbstverständlich ist es angebracht, über eine derartige Verflechtung von Interessen nachzudenken, und ob sich das eventuell „störend“ auf kreative Prozesse und Publikumsinteressen auswirken könnte. Der BR darf dort zwar selbst keine Projekte einreichen, aber ein nachvollziehbar von Sendern und Politik unabhängiges Gremium wäre vielen von uns deutlich lieber.

Nichtsdestotrotz ist es hilfreich sich wenigstens grob an den Richtlinien des FFF-Bayern zu orientieren: Diese Checkliste von „neutraler Seite“ (Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie) hilft dabei, und unser Projekt erfüllt alle Bedingungen. Erklärungsbedarf besteht möglicherweise bei Punkt 5, wo es heißt:

Ist sichergestellt, dass mit dem Projekt zum Zeitpunkt der Antragstellung noch nicht begonnen worden ist?

Mit Projekt dürfte hier die Produktion, also die Dreharbeiten gemeint sein. Wenn nicht, verstehe ich nur Bahnhof. Dann wäre ja nur jenes „Projekt“ förderbar, zu dem man noch gar keine Idee hat. Was wiederum die Existenz einiger Filme überhaupt erst erklären würde… (Wie kalkuliert man dann aber in so einem Fall die Produktionskosten? – „Jo mei, a Idee hob i no ned, aber i woas scho genau wia vui des kost.“)

Aufgrund der Schwammigkeit dieser Formulierungen wenden wir uns in einem Akt der Vorwärtsverteidigung gleich direkt an den für uns in Niederbayern zuständigen Sender, Tele Regional Passau 1 den BR, der zuletzt mit seinen Niederbayernkrimis ein gutes Händchen und mehr Mut zu entlegeneren, urbayrischen Regionen beweist. Und was man im Internet so über die Nachwuchsförderung (es wird sogar auf Quereinsteiger verwiesen. Das gilt zwar nicht für mich, aber als Filmhochschulabsolvent ist man auch nicht besser dran, sonst würden die jüngeren Kollegen, die auch mal Genrefilme machen wollen, sich nicht gezwungen sehen ihre Budgetlöcher via Crowdfunding stopfen zu müssen, wie beispielsweise „der Samurai“) des BR liest, ermutigt uns:

Hier liegt der Focus, nicht auf der Einschaltquote oder auf den Zuschauerzahlen an der Kinokasse, sondern allein auf der Lust am Experiment, der Neugierde auf neue Sichtweisen, – kurz: Der eigene künstlerische Blick steht im Zentrum von Nachwuchsarbeit.
Bettina Reitz

oder

Für die Zukunft wünschen wir uns eine noch intensivere Zusammenarbeit mit talentierten jungen Filmemachern.
Dr. Claudia Gladziejewski

Quelle (für beide Zitate): firststeps

Intensivere Zusammenarbeit? Quotenunabhängig? Neue Sichtweisen? – Ja, ja, ja! Wir sind zur Zusammenarbeit bereit und offen. Wir haben sogar ein spannendes Thema (die Wiedervereinigung), auf das wir eine neue, vergessene, aber authentische Sichtweise haben – da geht trotzdem was mit der Quote! Aber wie und wo findet dieser Dialog denn überhaupt statt?

Wie unser Beispiel zeigt, ist es gar nicht so einfach sich an die zuständigen Redaktionen (vgl. Zitat weiter oben) beim BR zu wenden, namentlich jene von „Kurzfilm und Debut“ bzw. „Spiel Film Serie“. Sucht man nach ihnen auf der Seite des BR, landet man nur bei Pressemitteilungen. Also ist vielleicht doch Herr Christian Nitsche als Pressesprecher der zuständige Ansprechpartner? Das wird halt leider nirgendwo vermerkt. Schließlich sind die TV-Redaktionen alle direkt erreichbar, allerdings hat sich die Redaktion der Sendung „Einblick“ noch nicht bei mir gemeldet, dabei war ich mir sicher, sie auf ein interessantes Thema aufmerksam gemacht zu haben. Schließlich heißt es dort über die Sendung:

(…) das Magazin zeigt die neuesten Trends, stellt Kinoproduktionen vor und blickt hinter die Kulissen des Mediengeschäfts.

Ein gesundes Restmisstrauen ist also durchaus angebracht, schließlich sind auch Niederbayernkrimis in erster Linie Krimis, und damit nicht so weit abseits des Quotengaranten „Tatort“. Dennoch glauben wir an unseren Heimatsender, daher helfen wir mit, und steuern eine Außenperspektive bei, um eine für alle Seiten zufriedenstellende Lösung zu finden. Dabei hilft eine sorgsame Entflechtung der Zuständigkeiten und Interessen, die im Interesse des Publikums öffentlich geführt werden muss. Sonst könnte ich das Drehbuch ja gleich an die Privaten verschachern.

Den bayerischen Knoten kriegen wir eben nur gemeinsam gelöst.

– – –

PS: Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass mich diese ganze PR-Arbeit vom Drehbuchschreiben abhält; dabei hätte ich gerne die dritte Drehbuchfassung fertig, ehe mich der BR das nächste Mal kontaktiert. Wenn sie sich dort bis August gedulden, könnte das sogar klappen.

Denn ähnlich wie beim Fußball kann man festhalten: Nach der Drehbuchfassung ist vor der Drehbuchfassung – soll heißen: die Vierte würde ich gerne mit einem Koautoren schreiben. Natürlich habe ich da auch jemanden im Auge, keinen Drehbuchautoren, aber einen in der DDR aufgewachsenen Autor, der zum Stil des Films paßt, und hoffentlich meine anerzogene Wessi-Haftigkeit weiter ausgleicht. Dazu schreibe ich dann nächste Woche einen ausführlichen Artikel, aus gegebenem Anlass.

Wer sich noch breiter über Filmpolitisches informieren möchte, dem sei unser google+ Profil empfohlen, wo wir Links und Kommentare zur Situation sammeln.

UPDATE August 2012: Wieder was gelernt – die von mir oben zitierten Aussagen von Dr. Claudia Gladziejewski und Bettina Reitz sind nicht mehr online! Der Link stimmt zwar noch und ist aktiv, aber eben ohne die obigen Zitate. Merke: Mehr Screenshots machen. Damit einem hinterher niemand falsche Nachrede unterstellt.

UPDATE September 2012: Glücklicherweise gibt es im Internet Archive Schnappschüsse von Webseiten aus aller Welt, so auch von jener, von der ich die Zitate entnommen hatte, hier der entsprechende vom 8. Juli 2011. Hier nun die Beweis-Screenshots, in denen ich die obigen Zitate von Bettina Reitz und Dr. Claudia Gladziejewski hervorgehoben habe. Korrektes Zitieren ist nicht so schwer. Ich bin doch nicht Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg :)

Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Alexander_cuts_the_Gordian_Knot.jpg (Artikelbild)

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